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Tugenden zuschreiben
kann, und das ist eben Karl
Seidel in Augsburg.
Empfindsame Naturen, wie es
Dirigenten sind, merken das,
brauchen das. Sonst wären
sie ja nicht so treue Kunden,
und sonst hätte auch nicht die
Mund-zu-Mund-Empfehlung
allein Seidels Handwerk so
gefördert. Bei ihm hat jeder
Kunde sein eigenes Modell,
das fein säuberlich aufgelistet
ist nach Länge, Formverlauf
und Griffprofiel aus Kork. Des
geringen Gewichts wegen,
denn so ein Taktstock wiegt
insgesamt nur zwei bis vier
Gramm, maximal sechs, bei
einem großten Durchmesser
von 4,5 Millimeter und Längen
zwischen 32 und 50 cm. Dabei
kommt es oft aufs Milligamm
an, das darüber entscheidet,
wie so ein Stock dem Benut-
zer in der Hand liegt. Genauso
wichtig ist der richtige ko-
nische Verlauf, den zu erzielen
e
ben Gefühlssache ist und der
in Verbindung mit Stocklänge,
Griffprofil und Schwerpunkt
zu eben jener Ausgewogen-
heit führt, die man an Original-
Seidel-Taktstöcken zu schät-
zen weiß. "Ich spüre das", er-
klärt Seidel seinen Fertigungs-stiel. "da brauche ich gar
nicht hinschauen."
Die Feinfühligkeit für sein
Handwerk hat er mitgebracht.
Der ehemalige Fagottist hat
eine Ausbildung am Staats-
konservatorium in Würzburg
hinter sich und verfügt als
früherer Orchesterwart des
Städtischen Orchesters Augs-
burg auch über musische Ei-
generfahrung; sie befähigt ihn
offensichtlich, Dirigenten
schnell ins Herz zu schauen.
Bei seinem früheren Vorge-
setzten und Entdecker, Hans
Zanotelli, hat es jedenfalls auf
Anhieb geklappt. Als ihm näm-
lich in den 60er Jahren wä-
rend einer Aufführung einmal ein Malheur mit seinem







Drei Gramm Ahornholz, ein
Gramm Kork und eine
Portion handwerkliches Feingefühl: der maßge-
schneiderte Taktstock.

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 Über das Dirigieren
   Dirigieren bedeutet nichts anderes als Interpretation eines
   musikalischen Kunstwerkes. Der Dirigent befindet sich
   dabei in der gleichen Situation wie ein Sänger oder In-
   strumentalist. Alle drei gelten mit Recht als Interpreten;
   denn sie bemühen sich, das Notenbild, das auf dem Papier
   existiert, in klangliche Realisation umzusetzen. Verständ-
   lich, daß alle drei Typen auf einer gemeinsamen Basis
   aufbauen müssen. Sie setzt musikalische Begabung vor-
   aus, eminentes Gehör, Gedächtnis, hochentwickeltes
   Denkvermögen, kurzum eine gesteigrte Leistungsbe-
   reitschaft, die oft die Grenzen des Außergewöhnlichen
   streift. Für den Dirigenten gelten diese Voraussetzungen
   sogar in erhöhtem Maße, weil hier ein psychologisch
   umfassender Komplex einer Hochleistung vorliegen muß,
   die Totalität in der Verlebendigung eines Kunstwerkes
   abzielt.

   Der Dirigent sieht sich einer großen Gruppe von Musikern
   gegenüber, die er zu Höchstleistungen anspornt und de-
   nen er seinen Willen aufprägt, das heißt, mit deren Hilfe
   er seine Klangvorstellungen, sein Stielempfinden realisiert.
   Das kann er zunächst nur dadurch, daß er durch typische
   Schlagfiguren Akzente setzt, die vor der eigentlichen
   Ausführung durch die Musiker liegen. Die einzelnen In-
   strumentengruppen, die Streicher, Bläser oder Schlag-
   zeuger, apperzipieren diesen Willensimpuls und über-
   nehmen ihn als den eigenen. Wenn man bedenkt, daß in
   einem Orchester oft hundert und mehr Musiker sitzen,
   daß sechzehn erste Geiger den gleichen Ton, die gleiche
   musikalische Phrase spielen, so bedeutet das einerseits,
   gesehen von den Ausführenden, eine starke Bereitschaft
   zum Mitgehen, zum Sichführenlassen, andererseits, vom
   Dirigenten aus betrachtet, eine unerhörte Energie, diesen
   künstlerischen Willen, das vorgestellte Klangbild durch-
   zusetzen.
   Der Dirigent benutzt dazu vorwiegend die rechte Hand,
   mit der er den Taktstock führt, und schon aus der Art, wie
   er die Hand hält, wie er die Finger zur Faust ballt oder mit
   gestreckter Hand fast federleicht dem Taktstock aus-
   schwingen läßt, wie er wechselt zwischen weiträumiger
   Geste und knapper, präziser Schlagfigur, kann man Wil-
   lensemanationen von eindeutiger Prägung ablesen. Die
   linke Hand unterstützt diesen Vorgang. Sie verdeutlicht ne-
   ben vielerlei anderem beispielsweise klangliche Zurück-
   nahme oder Verstärkung. Hinzu kommt die Haltung des
   Körpers, die Erregtheit oder Ruhe im Gesichtsausdruck,
   der Blick aus den Augen, kurzum eine Fülle von Merk-
   malen, die den ganzen Körper in den Zustand nach-
   schöpferischer Erregung versetzen und einzig und allein
   nur den Zweck verfolgen, Assoziationen gleicher Art in
   dem Klangkörper auszulösen, den der Dirigent leitet.
   Schöpferische Reaktionen, die von der Persöhnlichkeit des
   Dirigenten ausstrahlen, finden im Orchester ihre adäquate
   Verlebendigung, die wiederum auf das Publikum zurück-
   strahlt und dort gleichgestimmte Erlebnisse oder Denk-
   vorgänge auslöst. Man sieht, wie die Sensibilität eines
   Dirigenten entscheidend ist für einen Gesamtkomplex,
   der Interpreten und Zuhörer zugleich umfaßt.

  

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